Warum juristische KI oft am Prompt scheitert und nicht an der Software
Peter Möss
Co-Founder & Commercial
Viele Kanzleien testen derzeit BRAO-konforme Versionen von ChatGPT, Claude oder spezialisierte Legal-AI-Lösungen wie Libra, Legora, Harvey oder Noxtua. Häufig geschieht das gemeinsam mit internen Arbeitsgruppen, Innovationsteams oder KI-Task-Forces.
Nach den ersten Testläufen fällt das Urteil jedoch oft zurückhaltend aus. Einige Berufsträger sind nicht überzeugt, andere sehen zwar Potenzial, nutzen die Systeme aber bisher nur für einfache Aufgaben wie Zusammenfassungen, Formulierungsvorschläge oder E-Mail-Entwürfe.
Dabei liegt das eigentliche Problem in vielen Fällen nicht bei der KI-Lösung selbst. Es liegt in der Art und Weise, wie mit ihr gearbeitet wird.
Warum viele KI-Tests in Kanzleien unter ihren Möglichkeiten bleiben
In der Praxis werden juristische KI-Systeme häufig wie klassische Suchmaschinen oder einfache Textgeneratoren genutzt. Es wird eine Aufgabe eingegeben, ein Ergebnis erwartet und anschließend bewertet, ob die Antwort „gut genug“ war.
Diese Arbeitsweise greift zu kurz.
Komplexe juristische Aufgaben lassen sich selten mit einem einzigen Prompt zuverlässig lösen. Wer eine KI lediglich mit allgemeinen Anweisungen beauftragt, erhält meist auch nur allgemeine Ergebnisse.
Der Unterschied entsteht durch strukturierte Anleitung, klare Teilschritte und ein sauberes Verständnis des gewünschten Outputs.
KI braucht Führung wie ein Junior-Berufsträger
Ein hilfreicher Vergleich ist der mit einem Junior-Berufsträger am ersten Arbeitstag.
Auch einem neuen Mitarbeiter würde man keine komplexe Akte kommentarlos übergeben und erwarten, dass sofort eine belastbare Replik, eine Klageerwiderung oder eine forensische Analyse entsteht.
Stattdessen würde man:
- den Sachverhalt einordnen,
- das Ziel der Aufgabe erklären,
- relevante Dokumente benennen,
- Zwischenschritte definieren,
- Qualitätsmaßstäbe vorgeben,
- und das Ergebnis kontrollieren.
Genau so sollte auch der Einsatz juristischer KI strukturiert werden.
Die Leistungsfähigkeit entsteht nicht durch einen einzelnen Prompt, sondern durch einen geführten Arbeitsprozess.
Strukturierte Prompts sind der Schlüssel zu belastbaren Ergebnissen
Gute Ergebnisse entstehen, wenn Aufgaben in präzise Arbeitsschritte zerlegt werden.
Dazu gehört insbesondere:
- klare Rollenbeschreibung,
- konkrete Zieldefinition,
- Eingrenzung des relevanten Rechtsgebiets,
- strukturierte Dokumentenanalyse,
- Vorgabe des gewünschten Ausgabeformats,
- Prüfung auf Vollständigkeit,
- und iterative Verbesserung der Ergebnisse.
Erst dadurch kann KI ihr Potenzial in juristischen Arbeitsprozessen entfalten.
In vielen Fällen entscheidet also nicht das gewählte Tool über Erfolg oder Misserfolg, sondern die Qualität des Arbeitsauftrags.
Wo KI bereits komplexe juristische Arbeit unterstützt
Richtig eingesetzt kann KI heute deutlich mehr leisten als einfache Textüberarbeitung.
In der Praxis entstehen insbesondere in folgenden Bereichen relevante Effizienzgewinne:
Erbrecht
Bei der Geltendmachung von Pflichtteilsansprüchen kann KI dabei unterstützen, Sachverhalte zu strukturieren, Vermögenswerte auszuwerten, Anspruchsgrundlagen vorzubereiten und Entwürfe bis hin zur Replik zu entwickeln.
Arbeitsrecht
Im Arbeitsrecht lassen sich Klageerwiderungen auf Basis von Gesprächstranskripten, internen Notizen und vorhandenen Dokumenten vorbereiten. Die KI hilft dabei, relevante Tatsachen zu extrahieren, chronologisch zu ordnen und in eine juristisch verwertbare Struktur zu bringen.
Strafrecht und Managerhaftung
Bei umfangreichen forensischen Analysen kann KI große Datenmengen auswerten, relevante Hinweise identifizieren, Dokumente thematisch clustern und mögliche Argumentationslinien sichtbar machen.
Gesellschaftsrecht
Im Gesellschaftsrecht lassen sich große Vertragsbestände tabellarisch prüfen, vergleichen und aktualisieren. Dadurch werden Review-Prozesse strukturierter und deutlich schneller bearbeitbar.
Insolvenzrecht
Im Insolvenzrecht kann KI bei der Übersetzung, Strukturierung und Verarbeitung von Insolvenztabellen nach § 175 InsO sowie angrenzenden Massendaten unterstützen. Gerade bei großen Datenmengen entsteht hier erhebliches Automatisierungspotenzial.
Warum Assistenten und Agenten mehr leisten als Einzelprompts
Der nächste Entwicklungsschritt liegt nicht darin, immer wieder neue Einzelprompts zu formulieren.
Der eigentliche Mehrwert entsteht durch wiederverwendbare Assistenten und KI-Agenten, die auf konkrete Arbeitsprozesse zugeschnitten sind.
Solche Systeme können Aufgaben standardisiert ausführen, Zwischenergebnisse erzeugen, Dokumente analysieren und Ergebnisse in festgelegten Formaten ausgeben.
Dadurch wird KI nicht nur punktuell genutzt, sondern dauerhaft in operative Abläufe integriert.
Der Produktivitätsgewinn entsteht durch Prozessdesign
In gut strukturierten KI-Projekten kann der Produktivitätseffekt erheblich sein. Als praxisnaher Richtwert gilt: Auf drei Berufsträger kann durch gezielten KI-Einsatz rechnerisch ein zusätzlicher produktiver Kapazitätseffekt entstehen.
Dieser Effekt entsteht jedoch nicht automatisch durch den Kauf einer Softwarelizenz.
Er entsteht durch:
- passende Anwendungsfälle,
- klare Prozesse,
- gute Prompts,
- wiederverwendbare Assistenten,
- saubere Qualitätssicherung,
- und konsequente Integration in den Kanzleialltag.
Fazit: Nicht die KI muss besser werden, sondern der Umgang mit ihr
Viele Kanzleien unterschätzen, wie stark die Qualität der Ergebnisse vom Arbeitsauftrag abhängt.
Wer KI unstrukturiert nutzt, erhält unstrukturierte Ergebnisse. Wer sie dagegen wie einen gut angeleiteten Junior-Berufsträger führt, kann auch komplexe juristische Aufgaben effizient unterstützen lassen.
Das Problem ist daher häufig nicht die Software.
Es ist der fehlende methodische Umgang mit ihr.
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